Jens Bergmann: Einführung zur Ausstellung „Tagesbilder"

Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie zu der Ausstellung „Tagesbilder – 30 Bilder, gemalt im Juni 2005" von Rolf Esser. Warum präsentiere ich Ihnen heute diesen Künstler? Nun, Rolf Esser und ich – ich habe nachgerechnet – lernten uns vor nunmehr 47 Jahren im Städtischen Gymnasium kennen. Wir waren beide eher mittelmäßige Schüler, die sich aber in starkem Maße über die Kunst definierten. Kunst und Musik waren unsere Lieblingsfächer und so nimmt es kein Wunder, dass wir uns schon damals befreundeten und musisch stark korrespondierten. Gemeinsam wurde manches künstlerische Experiment gestartet und auch die ersten Schritte in die Musik im Schatten der Rolling Stones und Beatles gingen wir gemeinsam. Als sich dann durch verschiedene Schulen, Beruf und Studium unsere Wege zeitweilig voneinander entfernten, gab es doch immer wieder Anknüpfungspunkte, an denen man die Karriere von Rolf verfolgen konnte. Der Maler und der Musiker Rolf Esser machte von sich Reden. Es gab viel beachtete Ausstellungen seiner Bilder, in verschiedenen Rock-Formationen glänzte er als Komponist, Gitarrist und Sänger. Beide Medien waren und sind für ihn wichtig und haben sich gegenseitig beeinflusst und befruchtet. Gäbe es eine malerische Musik oder eine tönende Malerei, er wäre ihr erster Protagonist.

 

Rolf Essers Freude am bildnerischen Gestalten, und das sage ich als Lehrer natürlich besonders gerne, wurde bereits in der Grundschule geweckt und er zeichnete und malte schon als Grundschüler so fleißig und talentiert, dass ihm sein Klassenlehrer den Farbkasten verehrte, den dieser aus der Gefangenschaft hinübergerettet hatte. Der Großvater schenkte ihm den ersten Ölfarbkasten und versorgte ihn mit Holztafeln und Keilrahmen. Dieser Großvater war bei der Accumulatorenfabrik in Wehringhausen eine zeitlang Kollege von Emil Schumacher. So nutzte er dann eines Tages diese Bekanntschaft, um dem talentierten Enkel einen richtigen Künstler und ein wirkliches Atelier zu zeigen. Schumacher nahm sich Zeit für den Knaben und erklärte ihm einen gerade entstandenen Zyklus der Auseinandersetzung mit dem Krieg.

 

Für einige Jahre wurde nun die Veranda des großelterlichen Gartenhauses auf dem Goldberg Rolf Essers Atelier und Christian Rohlfs, dessen Bilder er im Osthaus-Museum nach der Schule ganz allein studierte, sein Vorbild. Im Gymnasium förderte Günter Zander, selbst Künstler im Hagenring, sein Talent und schon bald lagen alle künstlerischen Aufgaben, die eine Schule damals zu stellen bereit war, in Rolf Essers Händen, sei es nun die Gestaltung der Schülerzeitung oder die Ausgestaltung eines Treppenfestes.

 

Natürlich ist nach dem Abitur eine Künstlerkarriere angedacht. Verschiedene Gründe zwingen dann dazu „auf dem Teppich zu bleiben" und in Hagen an der Pädagogischen Hochschule Kunst zu studieren und das Lehramt anzustreben. Es folgen 24 Jahre als Lehrer hauptsächlich an der Gesamtschule. Da brauchen die Schüler auch gute Kunstlehrer, aber im täglichen Kampf um Zeichenpapier und Deckfarbe und der Frage, welche Leistung noch für eine „Vier" reicht, reibt sich der Künstler im Kunstlehrer oftmals auf. Dennoch oder gerade deswegen hat Esser nie den Anspruch vernächlassig, Schülerinnen und Schüler zur Kunst zu führen. Drei große Wandbilder in der Schule - entstanden in verschiedenen Jahrgängen - zeugen noch von seiner erfolgreichen Arbeit. In der eigenen künstlerischen Arbeit entwickelt er seine Ausdrucksmöglichkeiten weiter und bricht bildnerisch wie musikalisch zu neuen Horizonten auf.

 

Was Sie hier und heute sehen können, ist das Produkt einer bildnerischen Auseinandersetzung unter der selbst gesetzten Maxime, jeden Tag ein Kunstwerk entstehen zu lassen. Ein Kunstschaffender, der sich seit 50 Jahren mit dem Medium Malerei beschäftigt, legt sich einen Zwang auf. So wie Picasso, der eines Tages fand, bei der Malerei mit der rechten Hand schon zu perfekt zu sein und deshalb zur Linken wechselte um neue körperliche und visuelle Erfahrungen freizusetzen, so wie die Brücke-Künstler mit ihren 5-Minuten-Bildern, so hier der Vorsatz: Jeden Tag ein fertiges Bild.

Ein Kunstschaffender ist vielfältigen visuellen Erfahrungen ausgesetzt. Da er sich mit ihnen auch rein praktisch beschäftigt, reflektiert er sie viel stärker, als jeder andere Mensch. Aber man kann heute kein Bild mehr malen, ohne an die großen und bewunderten Protagonisten vergangener Zeiten zu denken. Wenn aber alle Stile schon gemalt sind, und alle Inhalte schon visualisiert wurden, was treibt den Künstler von heute? Warum malt er gegen die Großen seines Faches an, die er zweifellos kennt, die er nicht ignorieren kann, deren Größe auf ihm lastet und mit denen er sich messen lassen muss, sobald er in die Öffentlichkeit tritt?

 

Der Künstler von heute darf alles Wissen und Können, das seine Vorgänger sich erkämpft haben, verwenden. Er darf zitieren, so lange er nicht kopiert. Aber er muss in unsere Zeit passen. Er muss zu einem Teil unsere optischen Erfahrungen treffen und uns dennoch Rätsel aufgeben. Wir wollen entdecken, aber auch Bekanntes wiederfinden. Galerie- und Vernissagebesucher erwarten von einer Einführungsrede Gebrauchsanweisungen bezüglich Stil und Aussage der ausgestellten Arbeiten und dem Anliegen des Künstlers. Warum malt Rolf Esser solche Bilder? Wenn Sie sich schon umgeschaut haben, konnten Sie feststellen, die ausgestellten Arbeiten sind ungegenständlich – also abstrakt, sie sind mehr informell als konkret. Dennoch gibt es formale Entsprechungen, die sich mal mehr, mal weniger bekannten ästhetischen Standpunkten und Erfahrungen öffnen. Rätselhaft, wahrscheinlich auch für den Künstler selbst, warum ist ihm am Donnerstag mehr blau, am Freitag eher rot zumute? Warum breitet sich hier eine Farbe flächig aus, während dort die Linie dominiert? Warum braucht diese Farbe eine Korrespondenz zu einer oder mehreren anderen, warum eine Struktur? Warum strahlen Bilder eine innere Ruhe aus, warum sind andere voller Vitalität und Dynamik?

 

Vielleicht hätte es uns geholfen, wenn Rolf Esser nicht nur das Datum angegeben, sondern auch die Tageszeit, an der er das Bild begann. Vielleicht brauchten wir auch die Wettervorhersage des Tages als Hilfe, das Radioprogramm, besser noch sein Tagebuch und ein ärztliches Bulletin. Doch dass wir all das nicht haben, macht gerade den Reiz dieses Monats-Experiments aus. Der Künstler hat andere Möglichkeiten, etwas von dem Tag und seiner persönlichen Gestimmtheit widerzugeben. Der Betrachter fühlt sich so oder so, nach seiner Exposition in das Kunstwerk ein, mal mit seinen visuellen Erfahrungen, mal mit seinem Gefühl. Diese Faszination erschließt sich dem Betrachter, der sich Zeit nimmt für diese Bilder, der sich nach eigener Stimmung vom Chaos mitreißen oder von der Poesie verzaubern lässt, der in eine Form oder Farbe einzutauchen vermag oder einer Linie und Geste folgt, der mal hier, mal dort auf Entdeckungsreise geht, mit dem, was er schon weiß und mit dem, was er noch wissen möchte; mit den Träumen, die er schon hatte und mit denen, die er noch haben möchte. Wenn ein Bild diesen Prozess beim Betrachter immer neu erfahrbar macht, wenn man mit seinen Betrachtungen nicht fertig werden kann und auch nicht will, dann haben wir ein Kunstwerk vor uns, das aus einer Zeit, in seiner Zeit in eine andere Zeit wächst. Sie sind hier, weil Sie diese Auseinandersetzung mit Kunst suchen. Dazu gehört der Kunstgenuss ebenso wie der Widerstand. Sie sollen sich angezogen und dürfen sich abgestoßen fühlen, denn in dieser Polarität liegt der lebendige Prozess, den auch der Künstler immer wieder neu bewältigen muss.

 

Der große Eugène Delacroix hat 1863 gesagt: „Es ist das erste Verdienst eines Bildes, ein Fest für die Augen zu sein". Also gönnen Sie Ihren Augen dieses Fest oder diese Feste, zu denen uns Rolf Esser heute und in den kommenden Wochen einlädt und kommen Sie mindestens noch einmal wieder, wenn sie mehr Ruhe vorfinden und haben. Sie werden es nicht bereuen.